50 Jahre Frauenfußball - Mammitzsch im Interview
Schleswig-Holstein Fußballverbung

50 Jahre Frauenfußball - Mammitzsch im Interview

Am 31. Oktober 1970 wurde der Frauenfußball vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) offiziell in seine Satzung aufgenommen. Das Jahr 2020 markiert daher ein besonderes Jubiläum - 50 Jahre Frauenfußball in Deutschland!

Nachdem der Deutsche Fußballbund lange Zeit den Frauenfußball als „unweiblich“ abtat, erlaubte er ihn 1970 schließlich doch. Von Gleichberechtigung war allerdings keine Rede. Stollenschuhe waren den Frauen zum Beispiel verboten, sie durften nur mit Jugendbällen spielen. Gespielt wurde zunächst 70 Minuten, später dann 80 Minuten und seit 1993 90 Minuten. 1974 findet die erste offizielle deutsche Fußball-Meisterschaft für Frauen statt. Mit den Jahren werden Deutschlands Fußballerinnen auch international erfolgreich. Der DFB aber lernt noch sehr langsam. Das zeigt sich auch an einer lächerlichen Würdigung des sportlichen Erfolgs der Frauen. Noch 1989, zum ersten EM-Titel, schenkt der Verband den Spielerinnen ein Kaffeeservice.

Waren die Anfänge noch schwierig und vorurteilsbehaftet, konnten sich die Frauen-Nationalmannschaft und die deutschen Vereine durch ihre Vielzahl an Erfolgen über die Jahre großes Ansehen erspielen. Eine der prägenden Figuren im Schleswig-Holsteinischen Fußballverband und Pionierin im Frauenfußball ist die Vizepräsidentin des Spielbetriebes im SHFV, Sabine Mammitzsch, die uns Einblicke in ihren Anfängen des Frauenfußballs gewehrt.

Sabine, in deiner Jugendzeit war der Frauenfußball noch verboten, Mitte 20 hast du das Kicken dann für dich entdeckt. Wie kam es zu deiner Leidenschaft für den Fußballsport?

Ich habe den Fußball schon als Kind geliebt und bin sehr gerne mit meinem Vater zum Lüneburger Sport-Klub gegangen, um dort Fußball zu gucken. Am Nachmittag habe ich damals mit den Nachbarskindern gekickt und war auch gar nicht so schlecht. Der Fußball war also von Kindheit an in meinem Leben präsent. In der Schule stand Fußball wiederum nicht so sehr auf dem Stundenplan, hier waren eher Volleyball und Leichtathletik angesagt. Dann bin ich 1979 nach Kiel gezogen und habe Sport studiert und hier gab es eine Uni-Mannschaft, der ich mich ziemlich schnell angeschlossen habe. Wir waren ziemlich erfolgreich, sind beispielsweise Dritter bei den Hochschulmeisterschaften in Berlin geworden, und haben uns 1984 überlegt, dass man aus unserer Uni-Mannschaft ja auch eine Vereinsmannschaft machen könnte. Unsere Wahl fiel dann auf den VfB Union Teutonia Kiel. Ich habe parallel dazu immer noch im Verein Volleyball gespielt und dann gemerkt, dass ich mich für eine Sportart entscheiden muss. Und hier war die Liebe zum Fußball dann einfach größer.

Wie kann man sich die ersten Jahre der damaligen Frauenmannschaft vorstellen?

Wir waren damals eine ziemlich zusammengewürfelte Truppe. Einige Frauen haben Sport studiert, einige haben etwas ganz anderes gemacht. Zum Training haben wir uns dann immer getroffen und eine Spielerin hat spontan die Trainingseinheit als Trainerin übernommen. Insgesamt was das alles damals eher unstrukturiert. Aber wir waren erfolgreich und sind in der ersten Saison gleich in die Bezirksliga aufgestiegen. Das war der Punkt, an dem wir und der Verein gesagt haben, dass wir einen Trainer brauchen. In der darauffolgenden Saison wurden wir also von der Vereins-Legende Manner Greif trainiert. Nach einer Knieverletzung musste ich dann etwas kürzer treten und habe 1986/87 das Amt der Trainerin übernommen. Meine Spielerinnenkarriere war damit beendet, in der Funktion als Trainerin bin ich dann aber voll aufgegangen.

Sponsoren gab es damals für unsere Frauenmannschaft natürlich keine. Wir sind als selbstbewusste Frauen immer zum Vorstand gegangen und haben etwas Druck gemacht. So sprangen dann nach und nach Bälle, Trikots und Trainingsanzüge für uns raus. Darauf war man damals natürlich wahnsinnig stolz.

Welchen Stellenwert hatte der Frauenfußball – auch im Vergleich zum Männerfußball – damals?

Früher war es schon so, dass man sich von den Männertrainern Sprüche anhören musste, oder uns lediglich eine kleine Ecke auf dem Sportplatz zum Trainieren überlassen wurde, während die Männer auf dem Rest des Platzes spielten. Heute gibt es Frauenmannschaften, beispielsweise den SV Henstedt-Ulzburg, die sich einen richtigen Status Quo erarbeitet haben. Insgesamt gibt es mittlerweile viel mehr Befürworter für den Frauenfußball, die sich auch einsetzen und etwas erreichen wollen. Bestes Beispiel dafür ist die große Protestaktion, als Holstein Kiel seine Frauenmannschaft abmelden wollte. Das fand ich großartig und zeigt auch, dass man den Frauenfußball nicht mehr so schnell loswird.

Wenn wir den Stellenwert des Frauenfußballs schon ansprechen: Wie hat sich dieser, bzw. der Frauenfußball im Allgemeinen in den vergangenen 50 Jahren entwickelt.

Zum einen ist auf sportlicher Ebene natürlich einiges passiert. Wenn man sich Spielszenen aus den 70er-Jahren anguckt, ist das mit dem heutigen Frauenfußball nicht zu vergleichen. Die Frauen sind viel athletischer geworden, sowohl technisch als auch taktisch hat sich der gesamte Frauenfußball weiterentwickelt. Das hängt damit zusammen, dass jetzt alles viel professioneller aufgebaut ist. Spielerinnen werden psychologisch betreut, haben Top-Mediziner um sich herum und müssen sich ansonsten um nichts anderes kümmern. Früher haben wir die Bälle selbst aufgepumpt und den Medizinkoffer eigenständig befüllt und getragen.

Der Stellenwert an sich ist also schon ein anderer. Man muss aber auch ganz klar sagen, dass der Männerfußball immer noch deutlich dominiert. In den Medien wird hauptsächlich über den Männerfußball berichtet, das geht ja schon in der lokalen Presse los. Da ist also schon noch viel Entwicklungspotenzial.

Neben deiner aktiven Karriere setzt du dich seit über 30 Jahren auch ehrenamtlich in unterschiedlichsten Funktionen unermüdlich für den Frauenfußball ein. Was motiviert dich bis heute dazu, sich in einem von Männern dominierten Bereich für den Frauenfußball einzusetzen?

Seit ich bei UT Kiel als Trainerin tätig wurde, habe ich mich auf Fortbildungen und Lehrgängen immer weitergebildet. Und so ist man dann in diesem Themenbereich natürlich irgendwie präsent. Und so wurde ich dann gefragt, ob ich mir eine ehrenamtliche Funktion vorstellen kann und ich habe mich dazu entschieden. Ich fand die Aufgaben spannend und auch das, was ich mit bewirken kann. Das war teilweise sehr zermürbend, sich immer und immer wieder für den Frauen- und Mädchenfußball einsetzen und die Leute überzeugen zu müssen. Aber genau das hat mich immer wieder motiviert und so hat sich der Frauen- und Mädchenfußball zu etwas ganz Großem entwickelt und da bin ich sehr stolz drauf. Mir bringt die Arbeit einfach nach wie vor unheimlich viel Spaß und dass ich bis heute an der Gestaltung des Fußballs mitwirken kann, macht mich sehr dankbar.

Wir haben nun 50 Jahre in die Vergangenheit geblickt. Was wünscht du dir mit Blick in die Zukunft für den Frauenfußball?

Erstmal wünsche ich mir natürlich, dass wir uns bald wieder allesamt auf den Fußballplätzen treffen und alle Spielerinnen und Spieler wieder kicken können. Dann wünsche ich mir, dass professionell aufgestellte Frauenmannschaften nicht für alles in ihrem Verein kämpfen müssen, sondern dass es zur Selbstverständlichkeit wird, dass auch Frauenmannschaften alle Vorteile des Vereins in Anspruch nehmen können. Das was den Männern zusteht, sollte auch den Frauen ohne Kompromisse zustehen! Ein großer Wunsch ist außerdem, dass Vereine erkennen, wie viel Potenzial im Frauen- und Mädchenfußball steckt und für welche Bereicherung weibliche Mannschaften für das Vereinsleben sein können. Zu guter Letzt wünsche ich mir, dass wir eine erfolgreiche Europameisterschaft 2024 in Deutschland austragen und dass Deutschland Europameister wird! Das wünsche ich mir übrigens nicht nur für die Frauen, sondern ebenso für unsere Herren-Nationalmannschaft!

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