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100 Tage nach der WM: Fußball boomt die LN berichtet

Einen „Quantensprung“ in Sachen Mitgliederzahlen wollte der DFB durch die WM erreichen. Und so ist es auch gekommen. Vor allem der Nachwuchs stürmt die Vereine – nun werden Trainer und Plätze knapp.

VON NATHALIE KLÜVER LN
LÜBECK – „Deutschland, ein Sommermärchen“ – der WM-Film von Sönke Wortmann beweist einer Nation, wie herrlich sie feiern kann. Und er zeigt, wie sich ein großes Fußballfieber über das ganze Land legte. Exakt 100 Tage sind heute seit dem Endspiel vergangen. Und das Fieber hat sich nicht gelegt. Dribbeln wie Ronaldinho, Tore schießen wie Miro Klose – das will vor allem der Nachwuchs. Folge: Der DFB erlebt einen unglaublichen Boom. 
Ganz so, wie der Deutsche Fußball-Bund es sich erhofft hatte. Auf einen „Quantensprung“ in Sachen Mitgliederzahlen setzte DFB-Präsident Theo Zwanziger – und sprach schon während der Vorrundenspiele von jenem „Boom“. 
Und er behielt Recht: Die Fußballvereine freuen sich seit Juni über einen Andrang ungeahnten Ausmaßes. „Wir haben mit einem starken Zuwachs gerechnet – aber mit solchen Zahlen dann doch nicht“, sagt Jörn Felchner, Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verbandes SHFV. Besonders die Nachhaltigkeit habe ihn überrascht. Schon nach der WM 2002 stiegen die Mitgliederzahlen in den Fußballvereinen – „aber in diesem Maße haben wir es noch nicht erlebt“. 
Über 10 000 Mitglieder seien von Juni bis Oktober dazugekommen, im Landesschnitt ein Zuwachs von 30 Prozent – normal sei ein jährlicher Zuwachs von fünf Prozent, erklärt Felchner. Vor der WM zählte der SHFV 112 733 Mitglieder, nun sind es weit über 120 000. Nach der WM 2002 kamen ganze 2000 hinzu. Es sind vor allem ganz junge Kicker, die nun in die Klubs drängen. In einigen Kreisen, besonders im Hamburger Randgebiet, habe man sogar eine Steigerung um 100 Prozent – also eine Verdopplung – erlebt. 
Im Juli waren 4973 Mannschaften in Schleswig-Holstein gemeldet, 2005 waren es noch über 400 Mannschaften weniger. Und auch diese Zahl dürfte mittlerweile gewachsen sein – denn vielerorts mussten Mannschaften ob des großen Ansturmes nachgemeldet werden. 
Ein Trend nicht nur im Norden. Der DFB meldet bundesweit starke Zuwächse. In der vergangenen Saison waren bundesweit 6 351 078 Mitglieder gemeldet, darunter 2 127 189 Kinder und Jugendliche – 45 000 mehr Nachwuchsspieler als in der vorherigen Saison. 
Als am Ende der WM die Zahlen bekannt wurden, fühlte sich DFB-Präsident Theo Zwanziger in seinen Vorhersagen vom „Quantensprung“ bestätigt und hoffte „dass durch den großartigen Erfolg noch mehr Jugendliche den Weg in die Vereine finden“. 
 Wir haben großen Zulauf von Kindern und Jugendlichen“, bestätigt Klaus Koltzenburg aus der DFB-Presseabteilung. Man könne das mit Boris Beckers Wimbledon-Sieg 1985 vergleichen – da habe es einen ähnlichen Ansturm auf die Tennisvereine gegeben. Sogar einen Aufnahmestopp habe man damals verhängt. 
So weit sei es auch schon in Henstedt-Ulzburg gekommen, vermeldet Hans-Heinrich Meins, Jugendobmann im Kreis Segeberg. Dort teilen sich zehn bis zwölf Mannschaften ein Areal: Nun wird diskutiert, ob man auf andere Plätze ausweichen kann oder zusätzliche Sportplätze angelegt werden können. 
Insgesamt sind im Kreis Segeberg seit Juni 554 Neuanträge eingegangen, im Vergleichszeitraum im vergangenen Jahr waren es nur 390. „Eine Steigerung um 42 Prozent“, freut sich Jugendobmann Meins. 
Ganz ähnlich die Zahlen in den anderen Kreisen: Einen deutlichen Zuwachs melden Lübeck, Ostholstein und Lauenburg, ein Drittel mehr Neuanträge ist die Nachricht aus Stormarn. Und in fast allen schleswig-holsteinischen Kreisen stoßen die ersten Vereine an ihre Grenzen. „Wir wissen nicht mehr, wo wir die alle trainieren sollen“, sagt Detlef Tolle, Vorsitzender des Jugendausschusses vom Kreisfußballverband Lauenburg. 
Ein Problem, das man in Lübeck schon lange kennt, sagt der zweite Vorsitzende Hans-Peter Krohn. Besonders an den Spieltagen wird es eng – so dass man mittlerweile nicht mehr nur an den Wochenenden, sondern auch unter der Woche und an Abenden unter Flutlicht spielt. 
Und es gibt nicht nur nicht genug Plätze, es fehlen auch Trainer – denn immer weniger haben Zeit und Lust auf ehrenamtliches Engagement. So hat die Möllner SV erst jetzt eine Mannschaft nachgemeldet – weil vorher kein Trainer zu finden war. 
Bei der FG Stormarn 2000 suchten sogar die Eltern per Anzeige nach einem Trainer für ihre Kinder. Der SHFV will nun seine Schulungsangebote für Trainer und Übungsleiter verstärken – doch das Problem sei eher, die nötigen Ehrenamtler zu finden, heißt es aus den Vereinen. Die Begeisterung ist übrigens nicht nur bei den Jungs spürbar – auch der Frauenfußball-Nachwuchs, spätestens seit dem WM-Sieg der Frauen 2003 eh stark im Kommen, hat nachgelegt, bestätigten alle Kreise. 
Bei den Jungen scheint die Hingabe hingegen irgendwann nachzulassen: „Ab der C-Jugend müssen wir auch Spielgemeinschaften bilden“, sagt Burkhard Glaser. Der Jugendobmann aus Ostholstein hat dies etwa in Eutin und Malente beobachtet, wo es nun die BSG Eutin gibt. Oder im Segebergischen, wo aus sechs Klubs die Spielgemeinschaft Trave 06 entstand. 
Geht es nach Matthias Sammer, dem neuen Sportdirektor des DFB, werden solche Zusammenschlüsse bald kaum noch notwendig sein. Denn er will das große Fußballfieber weiter verbreiten: In die Kindergärten will er es hinein tragen, in die Schulen, in den künftig nach den Sammer-Plänen täglich Sport unterrichtet werden sollte. Sammer: „Wir müssen uns schon jetzt um die kümmern, die 2026 Weltmeister werden sollen. Die sind nämlich schon geboren.“ Der Boom darf auch vor den Babies nicht Halt machen.

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